Monatsarchiv: November 2012

#Windows8

Ich habe ein Review zu schreiben. Zum einen natürlich aus meinem ganz eigenen Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis heraus und zum anderen, weil ich ganz plump dafür bezahlt wurde – und zwar mit dem zu rezensierenden Ding.

Am 26. Oktober hat Microsoft sein neues Windows 8 Betriebssystem für die Allgemeinheit zum Erwerb bereitgestellt. Und zwar – in einem geschickten Marketingschachzug – zu anfänglich relativ niedrigen Preisen. So war es zum Beispiel möglich, seinen Rechner für nur knapp 15 Euro von Windows 7 auf Windows 8 upgraden zu lassen, sofern man ihn nach dem 01. Juni 2012 gekauft hatte. Glücklicherweise habe ich meinen am 02. Juni gekauft…

Nun gab es für mich eigentlich keinen wirklich rationalen Grund, auf ein neues Betriebssystem umzusteigen. Das alte war nicht wirklich alt und tat seinen Dienst einwandfrei. Aber ich bin halt neugierig und wollte mal sehen, worum Microsoft in der letzten Zeit nun so ein riesiges Trara gemacht hat und natürlich auch, was es mit dieser früher Metro (und heute Windows 8 Modern UI) genannten Oberfläche auf sich hat. Die Installation bzw. das Upgrade von Windows 7 auf seinen Nachfolger funktionierte einwandfrei. Ich hatte erst ein wenig Bammel um meine Daten, aber es war nach dem ersten Start des neuen Betriebssystem immer noch alles an Ort und Stelle.

Das Auffälligste ist in der Tat die neue Oberfläche mit den schon von Windows Phone 7 bekannten Kacheln. Zumindest waren sie mir als Teil der winzigen Minderheit, die dieses Handy-OS benutzt, schon bekannt. Und genau wie auf dem Handy finde ich sie auch auf dem Desktop ziemlich schick. Nach mittlerweile mehrwöchigem Alltagsgebrauch finde ich auch nicht, dass man unbedingt ein Touchscreen braucht, um dieses Interface sinnvoll benutzen zu können. Das geht genauso gut mit der klassischen Maus oder der Tastatur und dann sogar ganz ohne blöde Fettfingerabdrücke auf dem Display. Die wenigen wirklich neuen Maus-Funktions-Bewegungen (hauptsächlich das Bewegen zu den Bildschirmrändern um Kontext-Menüs oder Fensterwechlser aufzurufen) hat man im Handstreich erlernt.

Auch die Integration mit meinem Handy und dem daher bei mir schon ziemlich lange vorhandenen und bisher kaum sinnvoll genutzten Windows-Live-Account klappte wunderbar. Endlich habe ich meine Handykontakte, die Kalenderdaten und die OneNote-Notizen auch auf meinem Rechner. Das hatte ich vorher nicht oder nur sehr umständlich. Zugegeben hatte ich mich aber auch nie wirklich darum bemüht – hier passierte das halt automatisch alles mit und ich mag es. Es gibt auch ähnlich wie bei Apple und wie von Mobilgeräten gewohnt einen App-Store, aus dem man sich Programme für den Rechner herunterladen kann und vorhandene aktualisiert werden.

Leider ist aber nicht alles nur schicke neue Oberfläche. Der „gute, alte Desktop“ ist nämlich auch noch vorhanden. Zum Aufrufen klickt man nun einfach auf die Desktop-Kachel: und da ist er, mit Verknüpfungen und Papierkorb und allem. Nur das „Start“-Menü fehlt, aber das habe ich ohnehin fast nur noch beim Ausschalten des Rechners benutzt. Und so sehr der Desktop auch noch die Brücke zu vorherigen Windows-Versionen zu schlagen versucht und den Umstieg vielleicht erleichtert: Er ist vollkommen überflüssig. Durch ihn bekommt man das Gefühl, ein ganz normales Windows wie schon jahrelang vorher auch zu benutzen – auf das halt noch eine fancy aussehende Schnulli-Oberfläche draufgeflanscht wurde. Das ist nichts halbes und nichts ganzes. Das Gefühl verstärkt sich noch durch den halbgaren Eindruck, den einige der bereits an die Modern UI angepasste Apps hinterlassen. Beispielsweise die Skype-App. Man kann das Programm in zwei Versionen auf seinem Rechner benutzen – als herkömmliche Desktop-Variante und als Modern UI-Variante. Erstere kennt man, sie bietet den vollen Funktionsumfang, alles ist prima (naja, so prima Skype halt ist). Aber sie läuft nur auf dem Desktop. Die andere ist schick und fügt sich schön ins moderne Gesamtbild ein – aber es war uns nicht möglich, darüber eine Datei zu verschicken. Entweder ist der Menüpunkt zu gut vor uns versteckt gewesen, oder es gibt ihn einfach nicht.

Ähnlich verhält es sich mit Browsern. Es gibt weder eine Firefox- noch eine Chrome-App, die an das neue Design angepasst sind. Beide laufen als ganz normale Desktop-Fenster. Selbst der Internet Explorer von Microsoft(!) (Aber den verwendet ja sowieso keiner). Das soll sich zwar bald ändern, und es lassen sich zumindest vom Firefox bereits entsprechende Beta-Versionen herunterladen, aber ich hätte es halt auch gerne jetzt schon gehabt, und nicht erst irgendwann. Und so mangelt es dem ganzen Unternehmen „Windows 8“ für meinen Geschmack etwas zu sehr an Konsequenz. Sollte Apples Mac- oder iOS als Vorbild gedient haben, hätte man mal etwas genauer hinschauen sollen und darauf achten müssen, dass das Ganze etwas mehr wie aus einem Guss wirkt und nicht so aufgesetzt. In seinem jetzigen Stadium erinnert es mich sehr an die halbgaren Versuche der frühen Ubuntu Unity-Oberfläche. Aber vielleicht wird das ja alles noch besser, wenn es dann mehr native Modern UI-Apps gibt und man auf den eigentlich gar nicht mehr benötigten Desktop endgültig verzichten kann. Oder man eben auf die Modern UI verzichtet und wieder beim Desktop landet. So wie jetzt scheint es auf jeden Fall wie nichts halbes und nichts ganzes. Das ist zumindest mein Gefühl im täglichen Umgang damit.

Es sollte trotzdem mal gesagt werden, dass man damit prima arbeiten kann. Es ist schick und gut zu bedienen, benutzerfreundlich und bootet auch akzeptabel schnell. Es ist also kein Griff ins Klo, wenn man es hat. Es müsste aber wohl noch ein bisschen reifen. Und bis das soweit ist, kann man auch bei Windows 7 bleiben. Oder MacOS oder Linux oder OpenBSD oder was auch immer man gerne hätte.

 

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